Rückblick: Mahnwache gegen Femizide in Erkner
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m August 2026 gab es im Land Brandenburg innerhalb von nur drei Wochen drei Femizide. Entsetzen, Trauer und öffentliches Interesse waren für kurze Zeit enorm. Ende September organisierte eine lokale Initiative in Erkner eine Mahnwache zum Gedenken der Opfer, auf der auch Redebeiträge von Frauenhausmitarbeiterinnen aus dem Frauenhaus Eisenhüttenstadt und dem Frauenhaus Fürstenwalde gehalten worden. Wir dokumentieren hier den Bericht der Initiative und die Redebeiträge.
Hintergrund: Eine 19-Jährige aus Oberhavel wurde in Bergfelde am 12. August 2026 mutmaßlich von ihrem gleichaltrigen (Ex-)Freund getötet. Eine 18-jährige Schülerin wurde am 27. August von ihrem 19-jährigen Ex-Freund auf einem Schulhof in Gosen-Neu Zittau erstochen, er tötete auch einen 30-jährigen Sozialarbeiter, der die angegriffene Schülerin schützen wollte. Am 31. August wurde eine 24-Jährige in Erkner vom ihrem 30-jährigen Ex-Partner getötet.
Bericht der „Erkner Initiative Gemeinsam gegen Femizide“ (22.10.2016)
Gegen das Vergessen: Mahnwache in Erkner setzt ein Zeichen gegen Femizide
Am 24. September haben sich rund 80 Menschen vor der Genezareth-Kirche in Erkner versammelt, um gemeinsam um die getöteten Frauen zu trauern und ein deutliches Zeichen gegen Gewalt an Frauen zu setzten. Die Mahnwache macht deutlich, wie präsent das Thema Gewalt gegen Frauen und Femizide ist. Es handelt sich nicht um Einzelfälle oder um das, was häufig als “Familiendrama” bezeichnet wird, sondern um Ausdruck eines gesellschaftlichen und strukturellen Problems.
Die getöteten Frauen waren unsere Freundinnen, unsere Schwestern, unsere Töchter Menschen mit Geschichten und Familien, die nun um sie trauern. Mit der Mahnwache wollten wir Solidarität mit den Angehörigen zeigen, den Opfern eine Stimme geben, anderen Betroffenen die Möglichkeit bieten, ihre Geschichten zu teilen, und vor allem deutlich machen: Diese Gewalt betrifft uns alle.
Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik wird fast jeden Tag eine Frau Opfer von Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner. Etwa alle zwei bis drei Tage wird eine Frau von ihrem (Ex-) Partner getötet. Femizide können verhindert werden. Dafür braucht es mehr Frauenhausplätze, ein besseres Risikomanagement bei häuslicher Gewalt sowie eine stärkere Sensibilisierung von Justiz und Behörden.
Femizide sind auch Ausdruck unzureichenden stattlichen Schutzes und von Defiziten bei der Strafverfolgung und im Umgang mit geschlechtsspezifischer Gewalt. Gewalt gegen Frauen darf nicht als “Privatangelegenheit “ betrachtet oder erst dann ernst genommen werden, wenn sie tödlich endet. Es braucht konkrete Unterstützung, Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Veränderungen.
Die Mahnwache soll deshalb nicht nur ein Moment des Gedenkens bleiben. Es ist ein Aufruf: Gegen das Schweigen und Wegschauen, gegen Gewalt und ein Leben ohne Angst.
Redebeitrag des Frauenhauses Eisenhüttenstadt, Mahnwache Erkner 24.09.2026
Zwei Femizide, allein in unserem Landkreis. Zwei junge Frauen, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten. Wünsche, Ziele und Träume, die nicht mehr gelebt werden können – weil ein Mann glaubte, das Recht zu haben, einer Frau ihre Selbstbestimmung und ihr Leben zu nehmen.
Diese Fälle aus jüngster Zeit, berühren, bewegen aber vor allen Dingen erschüttern sie uns und lassen uns ratlos zurück.
Es sind keine Einzelfälle. Diese Frauen sind nicht durch einen schicksalhaften Unfall gestorben. Sie wurden ermordet- von ihrem (Ex-) Partner. Gewalt gegen Frauen und Femizide – als das extremste Ende von Macht und Kontrolle – sind alltägliche Realität in Deutschland. In einem Land, das sich selbst als modern, zivilisiert und sicher bezeichnet. Wenn eine Frau ihr Leben verliert, weil sie eine Beziehung beenden möchte, dann zeigt das mit schlimmster Brutalität: wir sind weit entfernt davon, modern und sicher zu sein.
Über 100 getötete Frauen – jedes einzelne Jahr. Hinter diesen Zahlen stehen Lebensgeschichten, die gelebt werden wollten. Doch viel zu oft werden Grenzüberschreitungen abgetan. Näherungsverboten und Auflagen schrecken Täter nicht ab – und Gesetze greifen erst dann, wenn es bereits zu spät ist.
Wir als Mitarbeiterinnen im Frauenhaus lernen jedes Jahr so tolle und mutige Frauen kennen – mit bewegenden Geschichten. Die alles aufgeben, um neu anzufangen. Manchmal schaffen sie es nicht einmal ihre Sachen in der Eile zu packen. Das mitzunehmen, was ihnen lieb und teuer ist. Sie verlassen ihre Heimat, geben ihre Arbeit auf, ihr gewohntes Leben – nur um in Sicherheit zu leben. Ist das nicht eine verdrehte Realität, in der wir leben? Die Opfer müssen fliehen, sich verstecken, während die Täter ihr normales Leben weiterleben dürfen.
Eine Trennung ist kein Mordgrund. Eifersucht keine Entschuldigung. Und Partnerschaftsgewalt ist keine traurige Beziehungstat, sondern eine schwere Straftat, die so auch geahndet werden muss. Wir dürfen diese Taten nicht hinnehmen. Wir dürfen uns nicht an diese Schlagzeilen gewöhnen.
An alle Teilnehmenden heute: schaut nicht weg, wenn in eurem Umfeld Grenzen überschritten werden. An die Politik und Justiz: Hört auf zu verharmlosen und schützt Frauen endlich konsequent.
Redebeitrag des Frauenhauses Fürstenwalde, Mahnwache Erkner 24.09.2026
Wir sind heute hier, weil zwei junge Frauen aus unserer Region nicht mehr leben.
Zwei Frauen, die Träume, Pläne und ein ganzes Leben vor sich hatten. Dieses Leben wurde ihnen genommen.
Als Frauenhaus im Landkreis Oder-Spree erleben wir jeden Tag, was hinter dem Begriff häusliche Gewalt steht. Wir erleben Frauen, die ihr Zuhause verlassen, ihre vertraute Umgebung aufgeben und mit ihren Kindern fliehen, weil sie Angst haben.
Und wir wissen: Gewalt beginnt nicht erst mit dem schlimmsten Angriff. Sie beginnt oft viel früher – mit Kontrolle, Überwachung, Demütigungen, Drohungen, Isolation oder dem Gefühl, ständig aufpassen zu müssen, um keinen Streit auszulösen.
Deshalb möchten wir heute vor allem eines sagen:
Wenn Sie merken, dass sich etwas in Ihrer Beziehung nicht richtig anfühlt, holen Sie sich Hilfe. Frühzeitig.
Sie müssen nicht warten, bis Sie geschlagen wurden.
Sie müssen nicht erst eine Trennung planen.
Sie müssen auch nicht sicher wissen, ob das, was Ihnen passiert, tatsächlich Gewalt ist.
Rufen Sie uns an. Kommen Sie in eine Beratungsstelle.
Erzählen Sie jemandem, dem Sie vertrauen.
Auch wenn Sie selbst noch sagen: „Vielleicht übertreibe ich.“ Sie übertreiben nicht, wenn Sie Angst haben.
Und Hilfe zu holen bedeutet nicht automatisch, dass Sie sofort Ihren Partner verlassen müssen. Beratung bedeutet zunächst einmal: verstehen, was passiert, Möglichkeiten kennenlernen und gemeinsam überlegen, was für Sie sicher ist.
Wir möchten auch an alle Menschen appellieren, die Gewalt in ihrem Umfeld wahrnehmen: Schauen Sie nicht weg. Hören Sie zu. Glauben Sie Frauen. Und helfen Sie ihnen dabei, Unterstützung zu finden. Denn wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, dass Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet werden.
Eine Trennung ist kein Mordgrund.
Eifersucht ist keine Entschuldigung.
Gewalt ist keine Privatsache.
Wir trauern heute um die Frauen, die nicht mehr bei uns sind.
Und wir stehen an der Seite all der Frauen, die heute noch die Möglichkeit haben, Hilfe zu bekommen.
Bitte warten Sie nicht, bis es zu spät ist. Holen Sie sich Hilfe. Lieber einmal zu früh als einmal zu spät.
Danke.



